Auslandssemester unter Palmen

Auslandssemester unter Palmen

Die Studentin Lena Steinbüchel aus Bamberg berichtet von ihrem Auslandssemster auf Martinique im karibischen Meer.

  • Wo bin ich eigentlich?
    Nun lebe ich, 21 Jahre alt, Kommunikationswissenschaft- und Kunstgeschichtsstudentin in Bamberg,  schon seit zwei Monaten in der Karibik, um mein Erasmus-Semester auf Martinique zu verbringen. Doch was ist Erasmus eigentlich? Wo liegt Martinique? Und warum bin ich ausgerechnet hier gelandet?
    Erasmus+ ist das Programm für Bildung, Jugend und Sport der Europäischen Union. Als „Förderprogramm der Europäischen Union“ unterstützt es finanziell Studenten, die ein Semester im Ausland verbringen möchten, um eine neue Sprache zu lernen oder ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Ich absolviere mein Auslandssemester im französisch-sprachigen Raum, allerdings nicht in Frankreich selbst, sondern im Überseedepartment (Département d`Outre Mer) Martinique.
    Martinique, auch genannt „Madinina“(, -Insel der Blumen) liegt in den kleinen Antillen, zwischen dem karibischen Meer und dem atlantischen Ozean zwischen Dominica und Saint Lucia. Das nächst größere Festland, Venezuela ist 440 km entfernt, Paris, die offizielle Hauptstadt Martiniques, 6850 km weit weg und Martinique ist mit 1.128 km² kleiner als New York. Bei einer Einwohnerzahl von nur knapp 400000 Einwohnern ist man schnell mit vielen Leuten vertraut und mit einer Länge von 75 km und einer Breite von 39 km hat man die Insel am Wochenende schon mal umrundet.
    Warum Martinique?
    Martinique lockte mich einerseits mit seinem abenteuerlichen Charme, seinem tropischen Klima, seiner geographischen Lage nahe Südamerika, andererseits der Möglichkeit mein Französisch aufzubessern, eine neue Universität zu entdecken und ein herausragendes Sportangebot zu nutzen.  Im Hintergrund von zahlreichen aktuellen Debatten um die Idee eines vereinten Europas und der spannenden Geschichte der Insel,  war ich ebenso neugierig zu erfahren, was es bedeutet so weit weg von meinem Heimat-Kontinent Europa „Europa“ zu leben.
    Die Abhängigkeit Martiniques als Überseedepartement von Frankreich und somit von der EU, die eng mit der Geschichte der Insel verknüpft ist,  ist im Alltag überall spürbar.
    Kurzer Ausflug in die Geschichte
    Martinique, das seit 4000 v. Chr. von Ureinwohnern, sog. „Arawaks“ besiedelt war, wurde 1635 durch Pierre Belain d`Esnambuc kolonialisiert und blieb, bis auf drei kurze Perioden, immer in französischem Besitz. Aufgrund des tropischen Klimas, der Regenzeit und der passenden Vegetation, wurden zahlreiche Zuckerrohr- (la canne à sucre) sowie Bananenplantagen angelegt, die wiederum eine große Verschiffung von Sklaven (les esclaves) aus Afrika nach Martinique zur Folge hatten. Nach einem Bürgerkrieg, einem Sklavenaufstand, der französischen Revolution, der Aufhebung der Sklaverei mit anschließender Wiedereinführung durch Napoleon und seine auf Martinique geborene Ehefrau Josephine de Tascher de la Pagerie, erfolgte am 22. Mai 1848 die endgültige Abschaffung der Sklaverei. 1946, genug der Zahlen jetzt, wurde Martinique dann offiziell zum französischen Überseedepartement, was bedeutet, dass Martinique politisch ein Teil des Mutterlandes ist. Somit ist Französisch die offizielle Sprache, Paris die offizielle Hauptstadt, der Euro die offizielle Währung und Martinique ein Teil der EU, womit wir wieder bei mir ankommen und Erasmus nach Martinique nur ein „weiter entferntes“ europäisches Auslandsemester ist.
    Wandgraffitis zeugen von den afrikanischen Wurzeln der Insel-Bewohner
     
    Hier leben überwiegend Menschen schwarzer Hautfarbe und die meisten Häuser sind noch im Kolonialstil erhalten. 50 % des Gesamteinkommens der Inselbewohner wird aus dem Export von Bananen und 12 % von Rum erzielt. Französisch ist die offizielle Sprache und Katholizismus die vorherrschende Religion. Weitere Beispiele werfen Fragen auf, lassen an Postkolonialismus denken, an Kulturübernahme, an Hegemonie europäischer Sichtweisen…
    Inwiefern ist Martinique unabhängig, inwiefern wird es von Frankreich und der EU im alltäglichen Leben beeinflusst? Wie gehen die Menschen hier heute mit der tragischen Vergangenheit der Insel um, inwieweit fühlen sie sich als Europäer?
    Die nächsten Blogposts sollen Fragen wie diesen auf den Grund gehen, Aufschluss geben über dieses „andere“ Europa, über die außergewöhnliche Situation der kleinen Insel und natürlich auch von meinen persönlichen Abenteuern auf Martinique erzählen.
    Wo bin ich eigentlich?
     
  • Hallo Martinique,
    zwischen Sprachlosigkeit, tropischem Klima, dem Gefühl völliger Freiheit und europäischem Flair, Eingeschränktheit, Regeln und Strukturen. Eine Insel in der Karibik, eine ehemals französische Kolonie, die heute Teil des Mutterlandes Frankreich ist,  das hinterlässt Fragezeichen…
    Der alltägliche Morgenverkehr
     
    Doch was bedeutet es eigentlich, seinen Alltag in einem Land zu bestreiten, das so voller Widersprüche lebt?
    Morgens beim Zähneputzen werde ich von Kakerlaken (le cafard) begrüßt, zum Frühstück gibt es selbstgepflückte Bananen oder Avocados aus dem Garten (le jardin). Beim Abspülen kitzeln mich Palmwedeln, die durchs Fenster spitzeln, an der Nase und unser Haushuhn am Fuß.
    Exotischer Ausblick beim Abspülen
    Mit dem Auto (la voiture) brauche ich circa 15 Minuten für den Weg zur Uni, anders als in Bamberg, wo ich nach zwei Minuten Radweg an der Uni in der Innenstadt angekommen bin. Schon um 7.00 Uhr morgens herrscht Hochbetrieb auf der kleinen Insel. Das wuselige Leben beginnt hier früher, da die Sonne (le soleil) abends schon um 18.00 Uhr untergeht. An den rasenden Verkehr habe ich mich gewöhnt, ich halte mich ganz nach der unausgesprochenen Regel „Wer böser schaut, hat Vorfahrt“ etwas zurück und atme bei heruntergelassenem Fenster an die zehn verschiedenen Abgasstickstoffe ein.
    Université des Antilles unter Palmen
     
    An der Universität, die ganz oben auf dem Berge Schoelchers thront, angekommen ist das erste T-Shirt durchgeschwitzt, auch an riesige Schweißflecken und Hitzewallungen hat man sich schon längst gewöhnt. Von Vorlesungen in nicht klimatisierten Sälen und Erledigungen in der stickigen Großstadt ganz zu schweigen. Fort de France, mit etwas über 80000 Einwohnern die Hauptstadt der kleinen Insel, und nur zehn Minuten entfernt von Schoelcher, versprüht seinen eigenen Charme. Der Geruch von Abgasen schwebt in der Luft, die Sonne knallt auf die Dächer und Straßen. Ich schlängle mich mit meinem kleinen Clio durch zahlreiche enge Gassen, alte Frauen die sich mit Regenschirmen vor der Sonne schützen verkaufen Erdnüsse in Eistütenpapier. Im Stadtzentrum drängeln sich die Menschen, Jungs mit Netzoberteilen und langen Dreadlocks rasen auf den Hinterrädern ihrer Motorräder durch die Einkaufsstraßen. Graffitis an verlassenen Häusermauern erzählen von der Geschichte, von den Problemen und von den Wünschen der jungen Einwohner von Martinique. Gebäude, die auf den ersten Blick heruntergekommen aussehen, werden zu Kunstobjekten. Überall Menschen, die einen neugierig begutachten. Manchmal wird einem mulmig, doch die Leute sind freundlich, helfen gerne, wenn ich den Weg nicht finde.
     
    Häuser, die an Favelas erinnern, in Fort de France
    Nachmittags werden Hausaufgaben erledigt, Sport gemacht oder wenn Zeit ist, ins Meer gehüpft. Mit salzigen Lippen und sandigen Füßen abends nach Hause kommen, dieses Gefühl werde ich zuhause in Deutschland ganz sicher vermissen.  
    Am Wochenende besuche ich entweder meine Fischerfreunde, die jeden Tag am selben Platz am Strand zu finden sind, um ihre Fische zu fangen, auszunehmen, zu braten, zu essen und zu verkaufen oder ich unternehme mit meinen Mitbewohnern oder den anderen Studierenden Wanderungen und Ausflüge. An besonders heißen Tagen geht es in den Regenwald, dieser lockt mit klarem Wasser, rauschenden Wasserfällen und frischen Quellen. Die kühle Luft reinigt meine Lungen, mit dem Duft von Freiheit in der Nase, sauge ich die Natürlichkeit und das frische Grün des Waldes in mir auf.
    Nachts fallen einem bei Dschungelgeräuschen, lautem Grillen und Zirpen, Rauschen und Gackern, früh die Augen zu. Die Hitze (la chaleur), die vielen neuen Eindrücke jeden Tag und die vibrierende Energie Martiniques sind anstrengend. Doch ich bin unendlich dankbar hier zu sein.
     
    Zeichnungen auf verlassenen Häusern
     
  • Alternative Kulturen
    Diese Momente liebe ich, diese Momente, wenn ich etwas Neues entdecke und begeistert bin. So führte meine Mitbewohnerin mich erst in ein vegetarisches Restaurant aus. Wobei das Wort "Restaurant" übertrieben wäre. Es handelt sich um einen kleinen Familienbetrieb, die ganze Familie trägt Dreadlocks und es gibt keine Karte oder Menü zum Auswählen, sondern nur ein sich abwechselndes Gericht jeden Tag. So wird einem Vorspeise, Hauptspeise, Dessert und ein selbstgebrauter Fruchtsaft ohne Nachfragen serviert, alles vegetarisch, ungesüßt und natürlich regional. Das Verzichten auf kommerzielle Marken und das Servieren der Säfte in Kokosnussschalen ist eine willkommene Abwechslung zum sonstigen Cola-Fanta-Sprite-Alltagsbrei.
    Christophine,Bread Fruit & Co.
    Während des Essens springt die kleine Tochter des Besitzers um uns herum, möchte wissen wo wir herkommen, wer wir sind. Viel spannender finde ich jedoch die Geschichte der Familie, die Geschichte und Kultur der Rastafaris.
    „Nicht jeder, der Dreadlocks trägt gehört automatisch zu den Rastafaris, wir jedoch schon.“, erklärt mir die Mutter, während sie die Speisen vorbereitet. Rastafari meint eine kulturelle und religiöse Bewegung, die sich ebenfalls auf die Bibel bezieht. Mit der Aufhebung der Sklaverei entstand sie unter dem ursprünglichen Ziel zurück nach Afrika, dem Land ihrer Vorfahren, zu kehren. Die eigentliche Bewegung entwickelte sich in den 1930ern Jahren erstmals in Jamaica, auch auf Wirken von Hailé Selassié, der als „König der Könige“ Äthopiens geadelt wird.
    Hailé Selassié, der aufgrund seiner Abstammung des Propheten Salomos auch als „Messias“ geadelt wird, ist die religiöse Hauptfigur der Rastas, der spirituelle Führer, der seine Leute nach Afrika zurückführen kann. Marcus Garvey wird dabei als der Gründer der kulturellen Rasta-Bewegung gesehen. In einer sehr dogmatischen Auslegung der Bibel, leben die Rastas vegetarisch, lassen sich Dreadlocks wachsen und rauchen Cannabis, das als geheiligtes Mittel angesehen wird. Ihre Farben rot – grün –gelb beziehen sich ebenfalls auf die Flagge Äthopiens, des ersehnten Landes.
    Ana strahlt aus der Küche heraus
     
    Warum alternative Kultur? Eine Unterscheidung zwischen den Menschen, die auf Martinique leben, zu machen, fällt schwer. Grob lassen sie sich in drei Hauptgruppen unterteilen: „les Antillais“ meint den Großteil der Bewohner der Insel, die von den ehemals importierten Sklaven aus Afrika abstammen, „Beke“, ein Begriff der aus dem Kreolischen kommt beschreibt die Nachfahren der europäischen Siedler, die als erstes nach Martinique besiedelten, und als „Metropol“ werden Leute bezeichnet, die aus Metropol-Frankreich nach Martinique umzogen, um zu arbeiten.
    Diesen Moment, als ich auf den Holzdielen saß, das kleine Mädchen auf dem Schoß hielt und mit dem Geruch von süßem Reis in der Nase den Geschichten des Besitzers lauschend, meinen Ananassaft aus der Kokosschale schlürfte, werde ich so schnell wohl nicht mehr vergessen.
    Ein Blick in die vegetarische Küche
    Das schrullige Häuschen gleich ins Herz geschlossen.
     
     
  • Vergleich zu Saint Lucia
    Letztes Wochenende ging es mit ein paar Freunden nach St Lucia, der kleinen Nachbarinsel, die nur 33,2 km südlich von Martinique liegt und eine ähnliche Geschichte wie Martinique besitzt. St. Lucia wurde 1500 von Kolumbus entdeckt und ebenfalls nachdem ihr Besitz 14 Mal zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich hin- und herwechselte, mit Sklaven aus Afrika für die Zuckerrohrplantagen besiedelt. Die sogenannte Kronkolonie, eine direkt von der Krone durch einen Gouverneur verwaltete Besitzung, wurde im Jahr 1979 eine parlamentarische Monarchie,  wodurch es die Unabhängigkeit erlangte. St Lucia zeichnet sich im Gegensatz zu den Überseedepartements durch einen hohen Grad an Selbstverwaltung aus, ist allerdings Mitglied im Commonwealth of Nations und untersteht somit der Queen als Staatsoberhaupt. Das Commonwealth, dem aktuell 52 Staaten angehören, ist eine Vereinigung unabhängiger Staaten, die vor allem aus dem Vereinigten Königreich und ihren ehemaligen Kolonien bestehen, und das heute als Nachfolger des British Empire gesehen werden kann.
    Enge Gassen führen durch Fischerdörfchen
     
    Schon beim ersten Ausflug in den Supermarkt fallen die größten Unterschiede auf: Klar, es wird englisch gesprochen, auf der linken Seite gefahren, mit ostkaribischen Dollars gezahlt, im Supermarkt finden sich Essential Waitrose-Produkte und im Fernsehen laufen amerikanische und englische Kanäle.  Doch auch auf den Straßen werde ich das Gefühl nicht los, dass es hier irgendwie anders ist, irgendwie wilder, karibischer. Ab 12 Uhr mittags schallt aus allen Bars und Restaurants lautstarke Musik, bei der jedes Gespräch unmöglich ist und die ersten schon zu tanzen anfangen. Die Gassen in dem kleinen Fischerdörfchen Canaries, das unterhalb der zwei Vulkane, der Twin Pitons, liegt, erscheinen enger, die Leute armer, das Leben lauter…
    Im Schatten der Twin Pitons
    Kleine Obst-und Gemüsestände am Straßenstrand
     
    Wir fahren vorbei an quietsch bunten Häusern, an grauen Straßenhunden, an alten Frauen und Männern, die am Straßenrand unter gelben Schirmen ihr Obst und Gemüse verkaufen, an schreienden und lachenden Kindern, die in den Wasserrinnen zwischen Straße und Gehsteig spielen, an rauchenden Fischern, die im Sonnenuntergang auf den großen Fang warten. Vielleicht liegt es an meinem Urlaubsgefühl oder an meiner Wehmut darüber, dass mein ganzer Auslandsaufenthalt bald vorbei ist, doch ich habe selten etwas so herzzerreißendes wie dieses kleine Fischerdörfchen, das da so friedlich und romantisch im Schatten der großen Piton-Berge liegt, gesehen.
    Freitagabends ist die „Friday Night“ in der Hauptstadt Castries ein Muss. Mit Einbruch der Nacht verwandelt sich eine sonst so unscheinbar wirkende Nebenstraße in eine Partymeile, die an karibischem Lebensgefühl nicht zu überbieten ist. Laute Bässe wummern über die Köpfe hinweg, der Duft von gegrilltem Hähnchen mit Reis und Bohnen hängt über den Menschen, die ausgelassen tanzen. Rum mit süßem Saft wird alle 50 Meter am Straßenstand ausgeschenkt, aus den Boxen hallt eine Mischung aus feurigem Salsa und aktuellen Black-Charts. Kleine Stände verkaufen selbstgemachtes kreolisches Essen, Schmuck, Tücher und Gewürze. Die Stimmung ist am Überkochen. Eine Straße als Ort der Begegnung, des Miteinanders, des Feierns, des Loslassens.
    Solch originale, leidenschaftliche, ausgelassene Straßenfeten sucht man auf Martinique leider außerhalb des berühmten Karnevals vergeblich. Das Leben hier erscheint im Vergleich geordneter, geregelter, etwas ruhiger und gesitteter. Getanzt wird trotzdem gerne, nur eben nicht auf der Straße.
    Friday Nigth in Castries
    Lecker Mitternachtssnack auf Kreol
     
  • Kunst auf Martinique
     
    Einmal im Jahr sind die Augen der gesamten Kunstwelt auf Martinique auf die Pool Art Fair gerichtet. Vom 25.-27- November hatten Künstler von und aus Martinique die Möglichkeit ihre Kunst der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, in künstlerischen Wettstreit zu treten und in den Kontakt mit Besuchern, Interessierten Käufern und Kollegen zu kommen.
    Dieses Jahr findet die Pool Art Fair, die zudem auch in New York, Miami und auf der Nachbarinsel Guadeloupe veranstaltet wird, zum ersten Mal auf dem wunderschönen Grundstück einer stillgelegten Zuckerrohrfabrik, der Habitation Fonds Rousseau statt. Bald schon soll das Anwesen verkauft und generell zum Raum für Kunst und kulturelle Projekte umgewandelt werden. Zwischen alten Industrierohren der dicken Maschinen tummeln sich Besucher und Kunst-Interessierte, um sich die ausgestellten Werke anzusehen. Das Knistern der spannenden Verbindung aus Tradition, tragischer Geschichte und zeitgenössischer Kunst ist zum Greifen nah.
    Dynamische Werke aus Naturmaterialien
     
    Hervé Poirier
    Neben modernen Motiven, Acryl-Malerei, viel Töpferei und Collage-Technik stechen die riesigen Pflanzen-ähnlichen Plastiken von Hervé Poirier sofort ins Auge. Er schafft elegante Werke aus Materialien, die die Natur zur Verfügung stellt, ohne Künstlichkeit entwickelt er Gebilde aus Kokosnüssen, Palmenblättern und Weidenzweigen. Durch das Agieren mit natürlichen Materialien entstehen vielfältige und dynamischen Arbeiten. „Martinique ist mein neuer Spielplatz“, erzählt Hervé Poirier, „ich möchte entkleiden, ich beherrsche die Formen, um gerade Kurven zu erreichen.“ Auf seiner Webseite www.hervepoirier.com zeigt er seine aktuellen Arbeiten, die sich vor allem mit  „Bewegung und Transparenz“ beschäftigen.
    Vida Verba auf der Pooll Art Fair vor ihrem Lieblingsgemälde
     
    „Leider ist der Kunstmarkt auf Martinique ausländischen Künstlern gegenüber immer noch sehr geschlossen. Das ist einerseits natürlich verständlich, um die karibische Kunst zu schützen und einheimische Künstler zu unterstützen, macht es uns jedoch sehr schwer“, erzählt Vida Verba, die aus dem Iran kommt und seit über 40 Jahren auf Martinique lebt. „Es gibt tatsächlich so viel gute Kunst hier, aber so wenig Raum sie zu zeigen.“
    Bis auf die Ausstellungen von zeitgenössischer Kunst von einheimischen Künstlern auf der alten Rumplantage der Habitation Clement (Hervé Beuze, Henri Guédon, Hervé Telemaque, Ernest Breleur, Louis Laouchez etc.), der „Galerie Tout Koulé“ im Poterie Village in Trois-Ilets und einen weiteren Ausstellungsraum in der Hauptstadt Fort de France ( sucht man Galerien vergeblich. Und das bei so viel Angebot an inspirierender, frischer, afrikanisch-karibischer zeitgenössischer Kunst.
     
    Als besonderen Gast haben die Organisatoren der Pool Art Fair Clarina Bezzola, die ursprünglich aus der Schweiz stammende, heute in New York lebende Performance-Künstlerin, eingeladen, die einige kleinere ihrer Plastiken ausstellt. Bezzola ist bekannt für ihre kontroversen Performances der letzten Jahre, die Intervention mit den Zuschauern und dem Alltagsgeschehen zieht sich durch ihr gesamtes Oeuvre. Ihr „Kampf mit dem Unterbewusstsein“ zeigt handgemachte Keramik-Vasen mit Bildern von Frauen, die von Ungeheuern verschlungen werden. Andere Plastiken stellen rosa Gebilde mit Riesenmäulern und weiblichen Unterkörpern dar. Ein nackter Frauenkörper, umwickelt mit einem Tintenfisch drängt auf das unmögliche Ausbrechen aus teils heute noch sexistischen Strukturen, auf das Gefangen-seins  und der Reduzierung des weiblichen Geschlechts hin. http://clarinabezzola.com/
    Auch wenn es wenig Platz für Kunstgalerien im klassischen Sinne gibt, strahlt ganz Martinique mit bunten Graffitis im traditionellen, afrikanischen Stil, die teilweise kilometerweise die Mauern an Autobahnen, Tunneln und Brücken  zieren. In Schoelcher beispielsweise gab die Bürgermeisterin große Flächen an Künstler frei, mit der Bitte sie zu verschönern.
    Ein ebenfalls vielversprechendes Projekt wartet in Fort de France in Form eines leer stehenden Hauses, das von jungen Künstlern renoviert, saniert, angemalt, angesprayt und umgewandelt wurde, um daraus nun auch ein Haus der Kunst, ein Haus der Begegnung zu machen. „Un oeuf“ (ein Ei) ist ein Ort, an dem sich Künstler treffen, präsentieren, diskutieren, ausstellen und austauschen können. An den Wänden springen schrille Graffitis ins Auge, an der Decke baumeln bunte Mobiles aus Allerlei, Pallettenmöbel im Garten laden ein zum Verweilen, ein leerer Kühlschrank wurde zum kostenlosen Bücherregal umfunktioniert, ein angemaltes Klos dient als Spendenbox. Während des Dokumentar-Filmfestivals waren verschiedene Video-Projektionen im gesamten Haus angebracht, in dunklen Räumen brachen Laserstrahlen das Licht und verwandelten das ehemals brachliegende Haus in einen brummenden und flirrenden Raum der Kunst, der Erneuerung, des Aufbruchs.
    Lichtprojektionen im Kunst-Projekt "Un Oeuf"
     
    Kreative Spendenbox
     
    Graffitis in Schoelcher
     
    Henri Guédon, Habitation Clement
    Lebensgroße Plastiken von Hervé Beuze im Museum der Habitation, Clement
     
     
  • Nach einem Hurrikan, zwei Katzenbabys, drei Hauspartys, vier Arztbesuchen, fünf Surfstunden, mindestens sechs Liter verschluckten Salzwassers, vielen heißen Stunden in nicht-klimatisierten Vorlesungssälen, noch mehr Stunden in meinem kleinen Auto auf Erkundungsexpeditionen, unzähligen Pommes mit Ketchup und Senf (die Cafeteria war etwas vegetarisch-unfreundlich), unzähligen vielen neuen Freunden und unzähligen Erinnerungen gehen vier wundervolle Monate zu Ende. Ein Fazit zu ziehen fällt schwer. Die Insel zu verlassen noch schwerer. Martinique ist für mich eine Ansammlung von Gefühlen, von Eindrücken, von interessanten Geschichten und noch interessanteren Menschen. Unzählige Momente, die sich vor meinem inneren Auge immer und immer wieder abspielen. Momente und Menschen, die in Erinnerung bleiben. Da wäre unser singender, blinder Nachbar, dessen größter Traum es ist, mit seiner kleinen Nichte  auf Tournee in Europa zu gehen, da ist Bobby, der Fischer aus Venezuela, der mich immer mit einem strahlenden Lächeln und selbstgebratenen Fischen unten am Strand empfangen hat, Tabago, der lustige Rastafari-Gärtner, der mir jedes Mal, wenn er mich sah, selbstgemachten Schmuck von sich in die Hand drückte. Jordan, der Schildkröten auf und um Martinique beobachtet und sich für deren Schutz engagiert. Landry, der mit seinem Projekt versucht, gemeinsam mit Bauern Maßnahmen umzusetzen, um ökologisch und nachhaltiger Nahrung zu produzieren, Maxime, der sich für eine bessere Information der Öffentlichkeit zu Themen wie Mülltrennung und Recycling einsetzt und so viele mehr. Auf Martinique gibt es zahlreiche Probleme, zahlreiche Dinge, die schief laufen oder meiner Meinung nach besser laufen könnten.
    Es wird mehr Fisch konsumiert als die Insel selbst produzieren kann, das heißt, der Großteil der Meerestiere und Fische wird importiert. Bananen, die wohlgemerkt auf Martinique wachsen, sind im Supermarkt teilweise teurer als die, die in Frankreich verkauft werden. Lebensmittel und Hygieneartikel sind bis zu 30 % teurer als im Mutterland Frankreich, während die Löhne (bis auf Beamten-Gehälter) gleich hoch sind. Müll wird wenig bis gar nicht getrennt, Solarenergie wird nicht genutzt und fast jeder hat ein eigenes Auto, da es so gut wie keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, was dazu führt, dass man vor Abgasen über der Hauptstadt nachts manchmal die Sterne nicht sehen kann. Doch wen kann man dafür schon anklagen? Auf der anderen Seite ist Martinique für mich eines der schönsten Plätze, die ich jemals gesehen habe. Es gibt so unendlich viel was hier richtig läuft, was gut läuft im Vergleich zu den anderen Inseln, im Vergleich zu Frankreich und vor allem im Vergleich zu Deutschland.
    In einem meiner ersten Blogposts hatte ich geschrieben, dass die Insel an Postkolonialismus denken lässt. Anfangs fing ich an, zu zweifeln an Europa; einem Europa, dass seine modernen Werte, seine Kultur, seine liberale Demokratie und seine Gleichheitsidee auf der Basis von Ausbeutung und dem Leiden anderer aufgebaut hat.
    Ich dachte, dass es sich auf Martinique um eine Kultur handelt, die erobert wurde, eingenommen und überrollt wurde. Um Menschen, deren Vorfahren als menschlicher Rohstoff des Sklavenhandels, als Ressource, am Aufstieg Europas Reichtum mitwirkten. Eine Eroberung, die nicht nur durch militärische Gewalt, sondern auch durch die Macht der Sprache und des Wissens erfolgte. In gewissen Maßen trifft das auch zu, die Ureinwohner „Arawaks“ wurden im Zuge der Kolonialisierung in einem furchtbaren Massaker überwältigt, und dutzende Sklaven gegen ihren Willen aus Afrika nach Martinique verschleppt. Was aber vor allem stattfand und heute noch stattfindet, ist ein Mix, eine Vermischung. Ein spannender und inspirierender Mix von Sprachen, von Kulturen, von Menschen, von Traditionen (Dieser Mix wird ebenfalls unter dem Begriff Creole zusammengefasst). Kreolische Gerichte bestehen beispielsweise aus einer feurigen Mischung von indischer und afrikanischer Küche (große Einwanderung von indischen Arbeitskräften nach Abschaffung der Sklaverei).
    Lecker vegetarischer Mix aus afrikanischer und indischer Küche
     
    Im Vergleich zu unabhängigen Inseln wie beispielsweise Haiti, profitiert Martinique wahnsinnig von den Vorteilen als Departement.  Nicht nur die Wirtschaft und soziale Versicherungen werden finanziell unterstützt, auch hat jedermann die gleichen Möglichkeiten wie jeder andere EU-Bürger und die Flüge nach Frankreich sind erschwinglich. Die Martiniquesen, mit denen ich ins Gespräch kam, fühlten sich auf meine Nachfrage sehr Französisch. Es handelt sich also nicht um eine Abhängigkeit, sondern vielmehr um eine Bereicherung. Frankreich hat einfach dieses Bewusstsein, wir gehören zur ganzen Welt. Wir sind ein Land, das überall auf der ganzen Welt verstreut ist, dass überall auf der Welt zuhause ist und das Menschen verschiedener Hautfarben, verschiedener Ursprünge und verschiedener Kulturen vereint. Ein Weltbewusstsein, über das ich vorher noch nie so nachgedacht hatte.
    Auch wenn administrative Angelegenheiten etwas länger dauern, so wächst einem die Langsamkeit und Ruhe der Insel mit der Zeit unglaublich ans Herz. Die unglaubliche Liebe zur Musik und zum Tanzen ist jeden Tag, vor allem jetzt in der Weihnachtszeit zu spüren. Die Menschen grüßen sich bei jedem Vorbeilaufen, auf der Autobahn wird auch mal ein Schwätzchen gehalten, unter Dorfbewohnern, unter Nachbarn, Studenten, Kollegen wird geschenkt, geteilt, getröstet, zusammen gelacht, zusammen geweint. Die Inselbewohner zeichnen sich meiner Meinung durch ein unglaubliches Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl aus. Ich habe mich stets sehr willkommen gefühlt und werde die Insel in bester Erinnerung behalten.
    Presqu`île de la Caravelle
     
    Unterwegs in der Wüste der Savane des Pétrifications
    Paragliding mit Blick auf den wunderschönen Hafen von Le Marin
     
     
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